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Bonn: Bundeskunsthalle zeigt Ausstellung gegen das Vergessen der NS-Verbrechen

Die Bundeskunsthalle in Bonn eröffnet am Sonntag die Sonderausstellung "Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen". Sie setzt überwiegend auf Kunst, um die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten. Kuratorin Henriette Pleiger sieht die Erinnerungskultur in Deutschland unter Druck, zu den Exponaten zählt auch ein interaktives Hologramm der Auschwitz-Überlebenden Eva Umlauf.

News.de · 09.10.2026 · 14:02 Uhr

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Bild aus der Originalquelle

In der Bundeskunsthalle in Bonn ist derzeit der silbrig schimmernde Abguss eines Teilstücks einer Eiche zu sehen. Die Josefseiche im Schlosspark von Wisniowa in Polen ist 650 Jahre alt, 30 Meter hoch und hat einen Stammumfang von 6,75 Metern. 1942 versteckten sich in ihrem Hohlraum die polnischen Brüder David und Paul Denholz. Der Baum rettete ihnen vermutlich das Leben, jedenfalls überlebten beide die deutsche Besatzung. Die polnische Künstlerin Natalia Romik nahm den Abguss in ihre Werkgruppe "Verstecke: Architekturen des Überlebens" auf.

Das Werk gehört zur Sonderausstellung "Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen", die am Sonntag in der Bundeskunsthalle beginnt. Sie will zeigen, wie die Erinnerung an den Holocaust auf ungewöhnlichen Wegen wachgehalten werden kann.

Hintergrund ist nach den Worten der Kuratorin Henriette Pleiger ein erheblicher Druck auf die Erinnerungskultur in Deutschland. Von "Schuldkult" und "Nationalmasochismus" sei die Rede. Zuletzt beschloss der Stadtrat von Heidenau bei Dresden, keine Stolpersteine mehr zum Gedenken an deportierte NS-Opfer zu verlegen. Pleiger bezeichnet das als "absolutes Drama". Mit den Vorbereitungen der Ausstellung habe man vor zwei Jahren noch relativ unbefangen begonnen. Damals sei es darum gegangen, die Arbeit der Gedenkstätten zu unterstützen. Die Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate, das Erstarken der Rechten, hätten dem Vorhaben zusätzliche Brisanz verliehen.

Die Bundeskunsthalle will Ideen vorstellen, wie die Erinnerung auch künftig lebendig bleiben kann. Laut Pleiger ist die Schau zu 70 bis 80 Prozent eine Kunstausstellung, die auch historische Belege einbezieht. Künstlerinnen und Künstler seien in ihren Darstellungsweisen freier als Historikerinnen und Historiker. Wer Menschen erreichen wolle, müsse möglichst viele verschiedene Zugänge wählen, darunter auch provozierende, die zunächst Aufmerksamkeit erzeugen.

Das größte Objekt der Ausstellung ist eine rekonstruierte Installation des Konzeptkünstlers Hans Haacke, mit der er 1988 in Graz Aufsehen erregte. Nach dem "Anschluss" Österreichs hatten die Nationalsozialisten 1938 die Marienstatue auf dem Marktplatz der Stadt mit NS-Propaganda ummantelt. Haacke rekonstruierte dies 50 Jahre später im originalen Nazi-Design, aber mit einem anderen Text, der auf die Opfer verweist. Damit wollte er den damals noch verbreiteten Opfermythos Österreichs thematisieren.

Zu den faszinierendsten Exponaten zählen die Bilder des Kölner Künstlers Andreas Maus, der 2021 den "Euward" erhielt, den europäischen Kunstpreis für Malerei und Grafik im Kontext geistiger Beeinträchtigung. Maus wurde irgendwann bewusst, dass er unter den Nazis vermutlich nicht überlebt hätte, weil er den Behindertenmorden zum Opfer gefallen wäre. Das führte zu einer intensiven Beschäftigung mit der NS-Geschichte. Er entwickelte eine eigene, unverkennbare Bildsprache, mit der er gegen die Verbrechen Stellung bezieht und zugleich vor dem heutigen Rechtsextremismus warnt. Das künstlerische Arbeiten helfe ihm, sich aus dem Teufelskreis der inneren Wut zu befreien, sagt Maus.

Die Erinnerungsarbeit befindet sich auch deshalb im Umbruch, weil die letzten Zeitzeugen derzeit sterben. Susanne Siegert vermittelt auf TikTok Informationen über die NS-Verbrechen und nannte ihren Kanal bewusst "keine.erinnerungskultur", denn weder sie noch ihre Zielgruppe haben persönliche Erinnerungen an die Nazizeit. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Frage, warum das damalige Geschehen für junge Menschen heute dennoch relevant ist. Dafür erhielt sie 2024 den Grimme Online Award.

Damit die Zeugnisse der Überlebenden nicht verloren gehen, wurden in den vergangenen Jahrzehnten viele Berichte in Wort und Bild festgehalten. In diesem Zusammenhang zeigt die Bonner Ausstellung ein interaktives Hologramm der Schirmherrin Eva Umlauf, der Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Für das Hologramm wurden der heute 83-Jährigen etwa 1.000 Fragen gestellt, darunter "Können Sie den Deutschen vergeben?" und "Haben Sie noch eine Tätowierung auf dem Arm?". Stellt heute eine Schülerin oder ein Schüler eine entsprechende Frage, gibt das Hologramm Umlaufs damalige Antworten wieder. Es setzt keine neuen Antworten zusammen, sondern ruft nur jene ab, die Umlauf tatsächlich gegeben hat.

Viele Bewahrer von Gedenkorten sehen es kritisch, wenn Holocaust-Opfer im Internet mithilfe Künstlicher Intelligenz animiert und zum Sprechen gebracht werden. Die Befürchtung: Die Grenze zwischen Fakten und Fiktion könnte verwischen, was rechten Holocaust-Leugnern in die Hände spielen würde.

Eva Umlauf, die 1942 in einem Durchgangslager nach Auschwitz geboren wurde, wendet sich im Ausstellungskatalog in einem eindringlichen Vorwort an die Jugend. Die jungen Menschen könnten nichts für die Verbrechen ihrer Großeltern und Urgroßeltern, schreibt sie, trügen aber Verantwortung für die Zukunft, wie alle anderen auch. Sie müssten nicht perfekt sein, sondern nur wach. Umlauf ruft dazu auf, auf das eigene Land, auf die Menschen im Umfeld und auf die Wahrheit zu achten. Diese gehe als Erste verloren und sei als Letzte zurückzugewinnen.

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