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Münster: Banned Books Network widmet sich in den USA verbotenen Büchern

Am Englischen Seminar der Universität Münster haben zwei Professorinnen und zwei Postdoktorandinnen das „Banned Books Network Münster“ gegründet. Es veranstaltet öffentliche Vorträge, Diskussionen und Filmvorführungen zu Büchern, die in den USA aus Schulen entfernt oder zensiert werden. Im Oktober findet die „Banned Books Week“ statt.

Universität Münster · 07.10.2026 · 09:35 Uhr

Auf dem Bild sieht man einen Stapel Bücher, davor ein großes weißes X. Diese Komposition soll Bücherverbote symbolisieren.© stock.adobe.com - Weerapat (Generiert mit KI)
Bild aus der Originalquelle

Toni Morrison erhielt 1993 den Literaturnobelpreis. Ihr Debütroman „The Bluest Eye“ von 1970 taucht in den USA immer wieder auf Zensurlisten auf: Seit der Veröffentlichung wurde er 116-mal zensiert, 2026 unter anderem im Bundesstaat Utah. Als Begründung gilt, das Buch sei für Jugendliche zu explizit. Erzählt wird von einem schwarzen Mädchen, das in Armut aufwächst und Rassismus sowie Gewalt in der Familie erlebt. Es wünscht sich blaue Augen, weil es glaubt, nur dann geliebt zu werden. An dieser Sehnsucht und an der Vergewaltigung durch den eigenen Vater zerbricht es.

Dr. Silvia Schultermandl, Professorin für American Studies an der Universität Münster, erklärt, Befürworter von Verboten verwiesen stets auf den Schutz junger Menschen. Deshalb würden Romane über schwierige Themen wie „Race“ und Sexualität stark angefeindet, selbst wenn die Bücher diese Themen angemessen behandelten. Ihre Kollegin Dr. Corinna Norrick-Rühl, Professorin für Book Studies, ergänzt, es gehe nicht nur darum, Kindern den Zugang zu bestimmten Büchern zu verwehren. Ebenso solle verhindert werden, dass Lebensformen jenseits des weißen „Cis-Hetero-Mainstreams“ sichtbar werden.

Der US-Autorenverband „PEN America“ dokumentierte allein im Schuljahr 2023/24 mehr als 10.000 Fälle, in denen Bücher aus US-Schulen entfernt wurden. Was als Streit in einzelnen Schulbezirken begann, ist inzwischen zu einer Art Kulturkampf geworden. Die beiden Professorinnen haben darauf reagiert und gemeinsam mit zwei Postdoktorandinnen das „Banned Books Network Münster“ (BBNM) gegründet. Das Netzwerk verlässt bewusst den universitären Rahmen und wendet sich an die Öffentlichkeit. Schultermandl sagt, man fühle sich aufgefordert, das Lesen als Kulturpraxis und zugleich als politisch-aktivistische Tätigkeit zu fördern. Es gehe nie allein um Bücher, sondern oft um Stellvertreterkriege, die anderen politischen Anliegen dienten.

Die Zensur in den USA verschärfte sich Anfang 2025, nicht zuletzt durch die Rückkehr von Donald Trump ins Präsidentenamt. Während die Vorgängerregierung gegen Buchentfernungen vorging, legitimierte er solche Aktionen. Aus dieser kollektiven Erschütterung sei die Idee des Netzwerks entstanden, betont Schultermandl. Die fachliche Grundlage bestand demnach schon vorher: Norrick-Rühl verweist darauf, dass die Themen in Kursen und Publikationen behandelt werden. Mit der Gründung sei man aber aus der wissenschaftlichen „Bubble“ herausgetreten. Es gehe um den Transfer, damit wissenschaftliche Erkenntnisse ein breiteres Publikum erreichen.

Dazu gehört ein Aufsatz über Kirsten Millers Satire „Lula Dean’s Little Library of Banned Books“. Den Schwerpunkt bilden jedoch öffentliche Veranstaltungen wie Vorträge, Diskussionsrunden, „Book Talks“ und Filmvorführungen. Im Oktober findet in Kooperation mit Partnerinnen und Partnern in Münster und Trier die „Banned Books Week“ statt.

Hörsäle meidet das BBNM als Veranstaltungsorte, um auch Menschen außerhalb der Universität zu erreichen. Teilnehmende sind unter anderem Lehrerinnen und Lehrer, Beschäftigte aus Bibliotheken und Kulturinstitutionen sowie Studierende anderer Fächer. Nach einer Veranstaltung habe eine Lehrerin gesagt, sie nehme den Input direkt mit in den Unterricht, erinnern sich die Professorinnen – genau das sei das Ziel. Inzwischen bestehen Verbindungen zur Stadtbücherei und zu Hochschulen im In- und Ausland. Knapp 150 Personen stehen im Verteiler.

Aus dem Kreis der Studierenden entstand zudem ein Ableger. Kare Mayurathan, damals studentische Hilfskraft in der Amerikanistik, gründete den „Banned Book(s) Club“. Die Gruppe trifft sich einmal im Monat privat; aus dem Café ist mittlerweile das heimische Wohnzimmer geworden. Bei Tee und Kuchen lasse sich besser besprechen, was schwer verdaulich sei. Ein festes Programm gibt es nicht: Die Teilnehmenden bringen Textstellen mit, die sie nicht loslassen, und daraus entstehen Gespräche. Welche Bücher gelesen werden, entscheidet die Runde per Abstimmung, orientiert an der PEN-Liste. Häufig geht es um die Begründungen der Verbote. Mayurathan hält diese nie für gerechtfertigt. Die Zensur schütze nicht die Jugendlichen, sondern bestimmte Teile der Gesellschaft davor, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.

Nach Mayurathans Einschätzung schwappen die Taktiken des amerikanischen Kulturkampfs längst nach Deutschland über. Als Beispiel nennt er Bibliotheken, die etwa durch gezielte Mobilisierung gegen Vorlese-Events wie „Drag Queen Story Hours“ unter Druck gerieten. Wenn so gegen Literatur vorgegangen werde, die unbequeme Wahrheiten ausspreche, geschehe das nach Ansicht der drei aus einer tiefen Angst vor radikaler Empathie. Wer ein Buch lese, verbringe Zeit im Kopf einer anderen Person und lerne Lebensrealitäten kennen, die oft nicht in ein starres Weltbild passten.

Weil die Themen schwer im Magen lägen, beendet das Netzwerk seine Veranstaltungen gern mit einer Buchempfehlung, wie Norrick-Rühl erläutert. Das sei eine konkrete Antwort auf die Frage, was man tun könne: selbst solche Bücher lesen und sich ein eigenes Bild machen. Über das Netzwerk berichtet die Universität Münster in ihrer Unizeitung wissen|leben, Ausgabe Nr. 6 vom 7. Oktober 2026.

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