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Münster: Symposium zu 300 Jahren „Gullivers Reisen“ am 26. und 27. Oktober

Am 28. Oktober 1726 erschien Jonathan Swifts Roman „Gullivers Reisen“. Dr. Kirsten Juhas vom Ehrenpreis Centre for Swift Studies der Universität Münster beschreibt das Werk als zeitlos und hochaktuell. Zum Jubiläum richtet das Zentrum am 26. und 27. Oktober ein internationales Symposium aus.

Universität Münster · 07.10.2026 · 09:30 Uhr

Das Bild zeigt Kirsten Juhas. Sieehält in der Hand ein aufgeschlagenes Buch, auf dessen Seite eine Illustration zu sehen ist.© Ehrenpreis Centre / Bischof
Bild aus der Originalquelle

Der Roman „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift jährt sich zum 300. Mal: Erstmals veröffentlicht wurde er am 28. Oktober 1726. Dr. Kirsten Juhas, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ehrenpreis Centre for Swift Studies der Universität Münster, schildert in einem Gastbeitrag für die Unizeitung wissen|leben, warum das Buch bis heute relevant sei. Aus Anlass des Jubiläums findet am 26. und 27. Oktober eine Konferenz in Münster statt.

Juhas zufolge kennen viele den Stoff als Kinderbuchklassiker. Schon wenige Wochen nach dem Erscheinen habe der Schriftsteller John Gay festgestellt, der spätere Weltbestseller werde in allen Gesellschaftsschichten und Altersgruppen gelesen, „vom Kabinett bis zur Kinderstube“. Verfasst hatte ihn Jonathan Swift (1667–1745), Dechant der Dubliner St Patrick’s Cathedral. Der fiktive Reisebericht handelt von dem als leichtgläubig beschriebenen Arzt Lemuel Gulliver. Er erleidet mehrfach Schiffbruch und gelangt auf unbekannte Inseln. Deren Bewohner sind entweder zwölfmal kleiner oder zwölfmal größer als er, führen absurde wissenschaftliche Experimente durch oder erweisen sich als vernunftbegabte Pferde und als „unzivilisierte“, affenähnliche Wesen.

Das Buch, ein Vorläufer vieler Science-Fiction-Romane, war laut Juhas nie allein für Kinder gedacht. Swift habe seinen Verleger unter einem Pseudonym gewarnt, das Werk könne „etwas satirisch“ sein. Der Verleger habe daraufhin seinen Geschäftspartner beauftragt, als Zensor kritische Stellen abzuschwächen. Swift bemerkte die Eingriffe erst im Nachhinein und ärgerte sich sehr darüber. Seine Klage formulierte er in einem fingierten Brief, der späteren Ausgaben vorangestellt wurde, als weiterer Teil eines komplexen Verwirrspiels.

Juhas erinnert an die damaligen Risiken: Kritik am König galt als Hochverrat und konnte mit dem Tod bestraft werden, sodass keiner der an der Drucklegung Beteiligten vor Strafverfolgung sicher war. Auf den Verfasser des vierten Tuchhändlerbriefs, mit dem sich Swift als Kritiker des Kolonialismus im nationalen Gedächtnis Irlands verankerte, war zwei Jahre zuvor ein Kopfgeld von 300 Pfund ausgesetzt worden. Obwohl Swifts Autorschaft ein offenes Geheimnis war, fand sich damals kein einziger Ankläger.

Nach Einschätzung von Juhas machen die satirische Schärfe, mit der Swift die Missstände seiner Zeit und vor allem die politische Führungsschicht anprangert, „Gullivers Reisen“ zu einem zeitlosen und zugleich hochaktuellen Buch. Der Dramatiker Conall Morrison sagte demnach kürzlich der Irish Times, Swift sei der perfekte Autor unserer Zeit. Er verwies dabei auf autokratische Herrschaftssysteme und das Phänomen der Fake News.

Das gelte, so Juhas, auch für Swifts scharfe Wissenschaftssatire, die für die dritte Reise prägend sei. Dort bekommt Gulliver an der Akademie von Lagado eine angeblich wunderbare Maschine vorgeführt. Mit ihr könne selbst der Ungebildetste zu einem vernünftigen Preis und mit geringem körperlichem Einsatz Bücher über Philosophie, Poesie, Politik, Recht, Mathematik und Theologie schreiben, ohne jede Hilfe durch Begabung oder Lernen. So formulieren es Hermann J. Real und Heinz Vienken in ihrer Übersetzung von 1984 für den Reclam-Verlag. Juhas hält diese Szene für fast prophetisch.

Das Jubiläum des Romans fällt zusammen mit einem weiteren Jubiläum, der Gründung des Ehrenpreis Centre for Swift Studies. Das Forschungsinstitut wurde von Prof. Dr. Hermann J. Real ins Leben gerufen und wird inzwischen von Prof. Dr. Klaus Stierstorfer geleitet. Sein Bestand umfasst mehr als 10.000 bibliografische Einheiten. Dazu zählen die weltweit größte Rekonstruktion von Swifts eigener Bibliothek und Lesewelt in identischen Impressa sowie zahlreiche Erst-, Werk- und seltene Einzelausgaben seiner Pamphlete, Gedichte und Prosatexte. Hinzu kommen Bearbeitungen von „Gullivers Reisen“ für Kinder und Erwachsene in mehr als 30 Sprachen.

Das Team des Zentrums gibt ein Jahrbuch heraus, veranstaltet Ausstellungen und begrüßt Interessierte aus aller Welt. Dazu gehört die Konferenz „Celebrating 300 Years of Gulliver’s Travels: The Eighth Münster Symposium on Jonathan Swift“ am 26. und 27. Oktober.

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