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Nach Spendenaufruf für Ralf Richter: Sohn spricht über Altersarmut

Nach dem Tod von Ralf Richter (69) bat die Familie um Spenden für die Beerdigung und wurde dafür massiv angefeindet. Sohn Maxwell Richter (44) sagt nun, sein Vater habe am Lebensende kein Geld gehabt. Sein Manager und ein Gewerkschafter beschreiben Altersarmut unter Schauspielern als verbreitetes, aber kaum besprochenes Problem.

Express · 10.10.2026 · 09:07 Uhr

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Nachdem der Schauspieler Ralf Richter („Das Boot“, „Bang Boom Bang“) im Alter von 69 Jahren gestorben war, bat seine Familie um Spenden für die Beerdigung. Dafür erntete sie heftige Kritik. Sohn Maxwell Richter (44) äußert sich nun zu dem Thema, das dahinter steht: Altersarmut unter Schauspielern. Im Gespräch in einem Ehrenfelder Café sagt er klar, sein Vater habe am Ende seines Lebens kein Geld gehabt.

Maxwell Richter, der aus Köln stammt, hat gerade in Paris für „Father Joe“ gedreht, mit Al Pacino und Kiefer Sutherland und unter der Regie von Luc Besson. Er spielt darin einen Killer und nennt die Arbeit ein wunderbares Erlebnis. Sein Manager Kais Setti, Chef der Agentur Urbanactors, warnt jedoch vor falschen Vorstellungen. Richter habe als Handlanger des von Pacino gespielten Mafia-Bosses zwei Drehtage gehabt. Verhandelt worden sei nach dem Motto „Friss oder stirb“, er solle froh sein, überhaupt dabei zu sein.

Altersarmut bei Schauspielern sei „ziemlich verbreitet, aber niemand spricht drüber“, sagt Setti. Beka Bediana von der Schauspiel-Gewerkschaft nennt dazu eine Zahl: 60 Prozent der Schauspieler in Deutschland verdienten weniger als 25.000 Euro brutto im Jahr. Das wisse allerdings fast niemand.

Zunächst verlief der Spendenaufruf erfolgreich: 20.000 Euro für die Beerdigungskosten kamen zusammen, und viele Fans zeigten Anteilnahme. Dann schlug die Stimmung um. In Dutzenden Kommentaren wurde der Familie vorgeworfen, den Tod Ralf Richters auszunutzen, um Geld einzunehmen. Allein bei Setti gingen mehr als 20 Hass-Mails ein. Die Spendenaktion wurde gestoppt.

Setti liest im Café Kommentare vor, die ihn fassungslos machen. Einer davon lautet, bei einem Todesfall stünden Millionen Menschen vor überteuerten Beerdigungskosten, andere sorgten rechtzeitig vor. Ein anderer wirft Maxwell Richter fehlenden Anstand vor und fragt, wo das ganze Geld geblieben sei. Setti hatte die Familie bereits auf Instagram verteidigt. Besonders empört ihn der Vorschlag, Ralf Richter solle seinen goldenen Mercedes verkaufen. Der Wagen sei ein Filmrequisit gewesen.

Maxwell Richter bestätigt die Geschichte um den goldenen Mercedes 560 SEC, den sein Vater kurzzeitig besessen habe. Produzenten einer Auto-Sendung hätten angeboten, ein Auto im Stil von „Bang Boom Bang“ zu tunen, und der Mercedes sei die Gage gewesen. Sein Vater habe den Wagen aber schnell an einen Bekannten verkauft. Für Videodrehs habe die Familie ihn danach noch nutzen können. In der Öffentlichkeit galt Richter dennoch als Fahrer eines goldenen Benz.

Die Verwechslung von Rolle und Realität habe den Vater noch härter getroffen als den Sohn. Bis zuletzt hätten Fans ihm auf der Straße „Kalle“ zugerufen, den Gangster aus „Bang Boom Bang“. Dass Ralf Richter privat ein sensibler, nachdenklicher Mensch war, wussten laut Bericht nur wenige. Über seine Finanzen wusste fast niemand Bescheid.

Als Grund für die Anfeindungen nennt Setti, dass viele Menschen nicht wüssten, wie schwer es sei, von der Schauspielerei zu leben. Sie dächten, wer zwei oder drei erfolgreiche Filme gemacht habe, sei Millionär. Meist sei es umgekehrt: Nach ein paar Erfolgen gebe es kaum noch gute Rollen. Altersarmut sei „ein strukturelles Problem“. Ein ähnlicher Fall war vor zwei Jahren Heinz Hoenig („Das Boot“). Damals wurde bekannt, dass er pleite war und keine Krankenversicherung hatte. Auch seine Familie erntete massive Empörung, als sie für eine lebenswichtige Herz-OP um Spenden bat.

Nach dem Shitstorm meldeten sich mehrere Kollegen zu Wort. Charles M. Huber („Der Alte“) schrieb in sozialen Medien, sein alter Kumpel Ralf Richter sei keine Ausnahme, sondern eher die Regel. In der Branche gebe es „weder Loyalität noch Mitleid“. Huber schlägt einen Fonds für Künstler vor, „die dem Publikum viel Freude bereitet haben“. Die meisten Betroffenen schwiegen wegen des gesellschaftlichen Drucks. Wem das Stigma der Armut anhafte, werde nicht mehr beschäftigt. Es werde Zeit, dass sich hier etwas ändere.

Maxwell Richter sieht sich selbst als „vergleichsweise privilegiert“, weil er eine Agentur im Rücken hat. Dennoch sei die Schauspielerei „natürlich ein ständiger Kampf“. Meist sei er nur für wenige Drehtage angestellt und zahle in die Rentenkasse ein, woraus gewaltige Lücken entstünden. Setti ergänzt, dass bei Abzug von Renten-, Sozial- und Pflegeversicherung für den ganzen Monat deutlich weniger netto bleibe.

Gewerkschafter Bediana erklärt, viele Schauspieler hätten nie Anspruch auf Arbeitslosengeld 1, weil sie nicht genug Drehzeit sammelten. Inzwischen zahlten zwar auch private Sender in eine Pensionskasse, das System sei aber zu kompliziert. Das Sozialversicherungssystem müsse deutlich vereinfacht werden. Von allen Schauspielern in Deutschland seien im Schnitt täglich nur 5500 sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Der Rest fahre in der Zwischenzeit oft Taxi oder gehe kellnern.

Christian Kahrmann, bekannt als „Benny Beimer“ aus der „Lindenstraße“, spielte ebenfalls in „Bang Boom Bang“ mit. Als die Rollen vor 15 Jahren knapp wurden, eröffnete er eine Espresso-Bar in Berlin. Dann erkrankte er schwer an Covid-19, lag drei Wochen im Koma und musste Sprechen und Gehen neu lernen. Danach habe er über Monate und Jahre keine Einnahmen gehabt. Er habe vorgesorgt, sagt Kahrmann, räumt aber ein, dass es in der Branche auch Kollegen gebe, die nicht viel hätten oder zeitweise Stütze bekämen, weil sie nur wenige Drehtage im Jahr haben. Darüber spreche man ungern. Heute arbeitet er viel als Synchronsprecher.

Auch Maxwell Richter sichert sich mit weiteren Tätigkeiten ab. Er moderiert, liest Hörspiele ein und dreht kommerzielle Filme für Unternehmen. Damit komme er einigermaßen über die Runden, mehr aber nicht. Sein Vater habe am Ende seines Lebens kein Geld gehabt.

Die Aufregung über Aufrufe wie den der Familie hält Maxwell Richter für ein Zeitgeist-Phänomen. Die Wut nach der Spendenaktion findet er nicht nur schlimm: Er sei froh, wenn dadurch eine öffentliche Debatte über den Beruf entstehe. Schade sei nur, dass man sich heute oft zuerst aufrege, bevor man sich informiere.

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